Die Suche nach diesen elementaren Ausdrucksformen beschäftigt uns schon seit Jahren. Bei der Arbeit in unterschiedlichsten Lebensbereichen (Altersheim, Kindergarten/ Schulen, Kurse, Zentrum für
Asylbewerber) wird uns immer mehr bewusst, wie stark Menschen ungeachtet ihres Alters oder ihrer Lebensumstände von Theater- und Körperarbeit berührt und fasziniert werden können. Mit Artistik,
Musik oder Pantomime findet eine Begegnung auch ohne Wort statt.
Der Jugendzirkus Tortellini eröffnet den Kindern und Jugendlichen eine möglichst breite Palette künstlerischer Herausforderungen. Nach und nach sind wir vom traditionellen Zirkus weggekommen und
beziehen heute auch Theater, Musik, das Spiel von Licht und Schatten oder sogar bildnerisches Gestalten in unsere Arbeit ein. Jedes der 22 Mitglieder spielt ein Instrument, nimmt an allen
Artistik- und Theaterproben teil. Theater und Zirkus sind beim Proben wie in der Show gleichwertig.
Der Zirkus bringt Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung zusammen. Jede und jeder soll an seinem Platz das verrichten, was er oder sie kann und will.
Wir sind kein Zirkus mit Jugendlichen und Kindern, sondern einer von Kindern und Jugendlichen. Am wichtigsten ist uns, dass sich alle in der Zirkusgemeinschaft wohl fühlen und Hilfe erleben
dürfen. Eine feste Tages- und Jahresstruktur sowie soziale Anlässe wie Geburts- und Feiertage oder der Besuch anderer Zirkusse haben bei uns grosses Gewicht, weil wir uns als Gemeinschaft auf
Zeit verstehen und wissen, dass man zu Heranwachsenden grösstmögliche Sorge tragen muss.
Alle Aufgaben im Zirkusleben werden gemeinsam angegangen. Die Kinder und Jugendlichen tragen den Zirkus selbst. Neben Schule und Ausbildung arbeiten sie auch intensiv für ihren Zirkus und werden
in den anfallenden Arbeiten von der Adressverteilung bis zur Reservation von Aufführungslokalen voll einbezogen. Alle Jugendlichen ab Oberstufenalter – das sind zur Zeit etwa zwei Drittel – haben
eigene Aufgabenbereiche. Wir sind der Meinung, dass Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nur dann Erfolg hat, wenn diese ernst genommen werden und auch altersgemäss für sich selber und in
Teilbereichen für andere Verantwortung tragen. Solidarität und das gegenseitige Helfen stehen zuoberst im Kurs, weil in einer so zusammengewürfelten Gemeinschaft nichts ohne dieses geht.
Die Kinder und Jugendlichen im Jugendzirkus Tortellini spielen nicht bloss „ein bisschen Theater und Zirkus“. Wer mitmachen will, verpflichtet sich vertraglich, die vielen Proben in den Bereichen
Theater, Artistik und Musik immer zu besuchen. Die Anerkennung anderer Zirkusse (etwa an einem Zirkusfestival) und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen zeigen deutlich, dass unsere
Arbeit geschätzt wird.
1987 begannen einige Kinder im Friedbergquartier in Luzern mit erstem Zirkusspiel. Professionelle Zirkusgeräte, neue Strukturen wie regelmässiges Training, Einbezug von Theatererfahrungen,
Zusammenarbeit mit Professionellen, Livemusik: In vielen kleinen Schritten wuchs der Jugendzirkus Tortellini zu dem heran, was er heute ist. Trotz steter Weiterbildung sind auch Leitpersonen
keine „Profis“, sondern lediglich Tortellinis, die aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung Leitfunktionen ausüben.